Es war ein Amazonas-Nachmittag und es regnete. Schon den ganzen Tag ist es dermassen schwül gewesen, dass sich die Luft an der Haut klebrig wie heisses Gelee anfühlte. Dann wurde es düster, der Himmel überzog sich mit Wolken und es begann erst recht zu regnen. Ich stand auf einer grossen eisernen Plattform, die im Wasser schwamm, in einem grauen und leeren Flußhafen. Und ich wartete auf ein Boot.
Schon am Morgen in aller Frühe verließ ich Iquitos, wie immer auf der Suche nach Abenteuer, und bin hierher angekommen, in diese winzige Ortschaft, wo Hunde aus Langeweile mit den Fliegen um die Wette liefen. Hier sollte der indianische Schamane Yagua wohnen, der jeden mit eigens gebrühten Extrakten bereitwillig zu heilen versuchte. Für die Besichtigung des ganzen Dorfes hatte ich um die zehn Minuten gebraucht. Von meinem Schamanen hatte niemand was gehört. Möglicherweise verwechselte Herkules die Dorfnamen, oder ich die Boote, oder die Boote die Routen. Auf jeden Fall war ich in einem Ort gelandet, den ich möglichst rasch wieder verlassen wollte.
Es ist kurz vor eins. Nach dem Fahrplan sollte das Taxiboot um zwei Uhr da sein. Bald kamen andere Passagiere an: eine Frau mit einem Kopftuch aus einer Plastiktüte, ein Indianer in durchlöcherten Gummischuhen, auf seinem nacktem Oberkörper flossen Regenströme, und ein verirrter magerer Hund. Alle sind hierher angekommen um zu w a r t e n . Das ist eine der Haupteigenschaften, die man in Südamerika beherrschen sollte. Man wartet auf verspätete Gäste und auf sich verspätende Gastgeber, man wartet auf Ware, die vor einer Woche hätte da sein sollen, man wartet auf den Busfahrer, auf den Brief, abgeschickt ein Jahr zuvor, auf den um einige Stunden verspäteten Flug. Man wartet auf das Erledigen auch der einfachsten Angelegenheit, weil die Papiere, die man abgegeben hatte, eine Weile abzuliegen hatten, um mit einer gediegenen Beamtenstaubschicht bedeckt werden zu können. Nur kein Gehetze. Was heute nicht erledigt wird, kann morgen erledigt werden. Es ist ja immer irgendein „morgen“. Irgendwann wird es soweit sein und die Sache wird erledigt, die Ware ankommen, das Geschäft geöffnet, der Bus repariert und das Fluzeug flugbereit. Bis dahin muß gewartet werden. Das Taxiboot sollte um zwei Uhr da sein. „Um zwei Uhr“ kann für einen Latinoamerikaner genauso gut „um ein Uhr“ oder aber „um drei Uhr“ bedeuten. Deswegen bin ich um einiges früher in den Hafen gekommen, habe mich in den Regenmantel gehüllt und begann mit der Warterei.
Es regnete in Strömen. Die Frau mit der Plastiktüte auf dem Kopf war naß vom Hals bis zu den Füssen. Der halbnackte Indianer glänzte wie frisch geölt und seine kurz geschnittenen steif hervorstehenden Haare sahen aus wie die Stacheln eines Igels. Der Hund hatte sich unter einer Bank eingerollt und täuschte vor, er schliefe. Und nur der Fluß rannte vor sich hin ohne Rücksicht auf nichts, voll mit frischem Wasser, in halsbrecherischem Schwung, grau wie Stahl, und ebenso kalt. Ein paar Meter vor dem Ufer wuchsen einige dichte Bäume, unter denen versuchten wir uns vor dem Regen zu schützen, aber von Zeit zu Zeit ist einer von uns an den Fluß gelaufen um Ausschau nach dem Boot zu halten.
Doch der Amazonas war leer und still – mal abgesehen von dem wütenden Stakkato des Regens auf der Wasseroberfläche.
Um zwei begaben wir uns alle auf die Plattform, der Vorsicht halber. Manchmal, bei häßlichem Wetter, fuhren die Schiffe einfach vorbei und zeigten keine Lust anzuhalten. Kurz nach halb drei. Ich wurde klein bißchen unruhig. Im Dorf gab es kein einziges Hotel oder Gasthaus und ich hatte die Hängematte nicht dabei. Ich hatte nichts zum Essen außer einem Gebäck in Form eines Krokodils, das ich noch vor Stunden im Hafen gekauft hatte. Bis zur nächsten Stadt – Iquitos eben – sind es zwar nur dreissig Kilometer, man kann sie aber auf keinem anderen als auf dem Wasserweg erreichen. Der einzige Weg war der Fluß und das Motorboot, auf das wir warteten, sollte diese Strecke in 50 Minuten hinter sich bringen.
Drei Uhr nachmittags. Aus der Ferne hörte man ein leises Geräusch. Wir schauen uns hoffnungsvoll an. Nach einigen Minuten näherte sich uns ein durchgerosteter Kahn mit einer Überdachung aus Wellblech und Holzbrettern. Er bewegte sich vorsichtig und in einem Schneckentempo, als ob sein Auseinanderfallen noch hinausgezögert werden sollte. Nach Iquitos würde er zwei Stunden brauchen. Der Indianer zögerte kurz, aber die in Plastiktüte angezogene Frau beruhigte uns, das Motorboot werde doch bald ankommen und es ist doppelt so schnell und um einiges bequemer. Der Hund unter der Bank hatte nicht einmal ein Auge geöffnet. Wir winkten dem Käpt’n zu, er solle nicht anhalten, sondern ruhig weiterfahren. Er rief etwas zurück, was im Regen und dem Motorbrummen unterging und bald war alles wieder zu dem einheitlichen Gegraue aus Regenströmen und Flusswasser verschwunden.
Die Zeit ging schleppend langsam vorbei wie ein faules Kriechtier im Wüstensand. Ich schaute auf die nassen Blätter, von den Bäumen herunterhängend, auf den schweren Himmel, auf die immer tiefer werdenden Pfützen und die wasserglänzende Plattformgelände. Schließlich sind meine Augenlider zugefallen und ich bin wohl in einen kurzen Schlummer versunken. Durch einen eiskalten Wassertropfen, der mir in den Nacken tropfte und den Rücken unter der Kleidung herunter lief, wurde ich brüsk geweckt. Wo bin ich? Und wieso laufen auf einmal alle weg von mir?... Der ersehnte Klang aller Klänge hat mich auf der Stelle ernüchtert: das Gesurre eines sich nähernden Motorbootes.
(übertragen von El¿bieta Binswanger-Stefañska)