Herkules hatte was nettes im Gesicht. Im ersten Moment dachte ich, es wäre die Narbe, die seine Wange durchschnitt. Wir hatten uns im „Eisernen Haus“ im Zentrum von Iquitos getroffen – einer Stadt mitten im Amazonas-Dschungel. Herkules streckte mir auf europäische Art seine Hand entgegen, wir schüttelten uns die Hände, ich sah tief in seine Augen und wusste, ihm könnte ich mein Leben für den nächsten Monat anvertrauen. Er würde mein Reiseführer sein. Wir hatten zwei Salate aus Palmherzen bestellt und ich erzählte ihm fürs erste wie die Route auszusehen hätte. Er bewegte seine Augenbrauen, er klopfte mit den Fingern auf den Tisch, aber er sagte wenig. Ich wollte ein Stück in den Amazonas hinein, und dann den Napo flußaufwärts fahren; auf diese Weise würden wir die grüne Grenze zwischen Peru und Ecuador passieren.
- Was meist du dazu? - fragte ich schließlich.
- Mmmm – antwortete Herkules – Mmmmm...
- Ich weiß, es ist ein bißchen gefährlich – fügte ich ergänzend hinzu.
Peru und Ecuador führten seit langem Krieg um diese Linie, die die Grenze ausmachen sollte. Einige Wochen vor meiner Ankunft in Iquitos wurde in allen Zeitungen darüber berichtet, dass ein peruanischer Soldat im Kampf gegen eine ecuadorische Truppe gerade ums Leben gekommen war. Und auch darüber, dass Ecuador – das sich seiner Überlegenheit und der Undurchlässigkeitkeit der Grenze unsicher war – einen breiten Steifen entlang der Grenze mit Minen bestückt hatte. Als Reaktion darauf hatte die peruanische Seite ebenfalls alles mit Minen ausgelegt. Das bedeutete, dass wer sich in diese Zone wagte, das Risiko einging, in die Luft gejagt zu werden – nur mit diesem Unterschied, dass die Mine entweder ecuadorisch oder peruanisch wäre.
- Man hört, du bist schon in der Grenzgegend gereist – sagte ich nach einer Weile Schweigen, das nach und nach verlegener wurde. Herkules nickte lebhaft mit dem Kopf und seine Augen blitzten auf.
- Si, si – antwortete er sofort. - Si!
- Kennst du den Fluß Napo gut?
- Si, si – bejahte er murmelnd und irgendwie weniger sicher.
Ich hob die Hand, um den Kellner auf mich aufmerksam zu machen, ich wollte eine Flasche Mineralwasser bestellen, weil mir nach dem Salat etwas trocken im Mund geworden war. Der Kellner hatte mich aber kaum bemerkt, dafür aber schoß Herkules plötzlich wie eine Rakete vom Tisch auf, dann landete er nach einem Gleitflug auf dem Boden und begann wie eine Kuh zu brüllen. Ich erschrak. Wieso versucht ein Indianer mit einem ruhigen Gesicht in einem Restaurant plötzlich zu fliegen und wieso meint er nach der Landung, er wäre ein Grasvieh?...
Ich kroch unter den Tisch. Wir schauten uns direkt in die Augen und dann zeigte Herkules mit einem Finger auf seinen Mund. Seine Zähne waren mit etwas weissem verklebt. Er zeigte auf seinen Fuß, der wie ein Ballon aufschwoll. Dann zeigte er in den Himmel. Wir blickten in ein männliches Gesicht über uns. Sein Besitzer steckte in einem dunkelblauen Anzug und war irgendwie irritiert.
Ich streckte meinen Kopf über den Tisch und fragte in aller Ruhe:
- Sie wünschen?
- Ist alles in Ordnung? – fragte er in einem Ton, als ob er der Lokalbesitzer in Person wäre.
Ich saß unter dem Tisch neben dem schreienden Indio und hielt in meinen Händen seinen aufgeschwollenen Fuß.
- Jawohl – sagte ich ohne Augenzwinkern – alles bestens.
- Naja, wenn es so ist – sagte der Herr, sich mit dem Saum der Tischdecke Luft zufächelnd und seine Meinung über mich hinter einer ruhigen Miene verbergend – dann wollen Sie mich, bitte, entschuldigen.
Es war eine dieser peinlichen Situationen, in denen man sich am liebsten unter den Boden verkriechen würde, während alle neugierigen Blicke auf uns gerichtet waren. Ich zog mich also augenblicklich wieder unter den Tisch zurück und ließ hinter mir die Tischdecke herunterfallen als wäre sie ein Schutzvorhang. In der Dunkelheit funkelten die weissen Zähne im Herkules’ Gesicht.
- Que pasa?* – fragte ich in aller Ruhe der Welt.
Herkules gurgelte, murmelte und zeigte seine Zähne in einer schrecklichen Grimasse, dann flüsterte er undeutlich:
- Ennntssschauuldigung. Mein Maund ischt verkleuubt.
Plötzlich wurde es ganz hell unter dem Tisch: meine Augen wurden auf einmal tellergroß und läuchteten staunend auf. Herkules fügte erklärend hinzu:
- Weugeeen des Kauuugeummis.
Herkules war wohl nicht der einzige Reiseführer in der Stadt. Jeden Tag wurde ich auf der Strasse im Lärm der unzähligen Mopets von einem mehr oder weniger indianischen Reiseführer angehauen, der mir seine Dienste anbot und mich dazu überreden wollte, mir den „wahren Dschungel“ zu zeigen. Ich erklärte nicht, dass ich den „wahren Dschungel“ bereits sehr wohl kenne, da ich einige Jahre dort verbracht hatte, sondern stellte eine oder zwei Schlüsselfragen wie etwa:
- Was für einen Motor benützt du in deinem Boot?
Oder:
- Wie hoch ist dein Tageslohn wenn der Ausflug etwa sechs Wochen dauern sollte?
Meistens war das Gespräch damit zu Ende. Reiseführer, die eine neue Jeanshose mit einem Ledergürtel und einer glänzenden Klammer, Adidasschuhe und ein kariertes Hemd mit Kurzärmel anhatten, kamen ohnehin nicht in Frage. Normalerweise arbeiteten sie für Reisebüros, die ihr Geld damit verdienten, dass sie die nach Exotik hungernden Europa-Touristen mit dem Standardangebot an Ausflügen in den Dschungel abfertigten: drei bis sieben Tage auf dem Fluß, Piranhafangen, Übernachtungen in den Hängematten, nächtliche Showjagd auf Kaimane, und damit hat sich es. Und der Reiseführer obligatorisch englischsprechend. Nein, danke. Ich suchte einen, der selbständig arbeitete, viel Erfahrung hatte, zweilfelsohne ein Indio war und absolut kein Englisch sprach. So war Herkules.
Er hatte ein flaches Gesicht mit einer Narbe quer über die Wange, schmale Schlitzaugen, pechschwarzes Haar und die Eigenschaft sich immer in die schlimmsten Situationen des Lebens reinzumanövrieren. Von allen Menschen in der Welt, die das „Eiserne Haus“ besuchen würden um hier ein Mittagessen zu verspeisen und einen Salat aus Palmherzen bestellen, nur ein einziger würde auf seinem Teller einen Kaugummi von einem Fremden finden. Herkules eben doch. Und kaum einer würde diesen Kaugummi glatt übersehen, sich in den Mund stecken und sich damit total verkleben. Nur Herkules. Und kein einziger würde just während des ruhigen Mittagsessens von einer Feuerameise obendrauf gestochen. Herkules sehr wohl. Deswegen sprang er vom Tisch auf und schrie wie am Spieß. Und – auch ganz typisch für ihn – er ist auf der einzigen an diesem Tag auf den Boden gelandeten Bananenschale ausgeglitten und hingefallen. Er war der größte Pechvogel, den ich je getroffen hatte, an diesem Tage in Iquitos wußte ich es aber noch nicht. Am Abend wurden die Einzelheiten besprochen und der Termin für den Aufbruch festgelegt, auf Freitag den 16. März. Im April sollten wir Ecuador erreichen.
* Que pasa? (spanisch) bedeutet je nach Situation „was ist los?“, „was ist passiert?“, „worum geht es?“, „was ist mit dir? (euch?)“. Ich fragte im Sinne: „Was wird hier gespielt?“
übertragen von El¿bieta Binswanger-Stefañska